Hier ruhet in Gott Jakob Schweitzer, Lehrer zu Limburg, geboren 2. November 1788 zu Nievern, gestorben 10. August 1836 zu Limburg;
Früh bedeckt des Grabes Nacht seines Geistes Schwache Hülle, doch der Weisheit stille Macht und der Tugend fester Wille, die auf Erden ihn geziert wirken fort in seinen Lehren, um den Lohn, dem ihn gebührt dort bei Gott noch zu vermehren! Er vollendete zwar bald, lebte aber doch lange.
Ja, er lebt noch lange! Nicht nur im Herzen der Seinen, er lebt in dankbarem Andenken seiner Schüler, er lebt in den schönen Früchten seines dornenvollen Berufes.
Mag es mir gestattet sein, einige Blicke auf das Leben des Mannes zu werfen, von dem einst sein Lehrer (Oberschulrat Gruner) bedeutungsvoll sagte: ja, er ist in Wahrheit groß!"
Jakob Schweitzer wurde in Nievern an der Lahn geboren, und er wuchs dort unter Leitung seines Stiefvaters Lehrer Schmalz zu einem hoffnungsvollen Jüngling; schon früh nutzte er den Unterricht des Pfarrers, Herrn von Homer, zu Nievern und zog aus dem Umgang jenes fein gebildeten Mannes reichen Gewinn; seine Eltern hatten ihn zur Chirurgie bestimmen wollen, doch eine gewisse Scheu vor jenem Gewerbe lenkte ihn auf eine andere Bahn.
1815 ging er auf das Schullehrerseminar zu Idstein (unter dem Direktorium des Schulinspektors Bender), wo ihm die schönsten Zeugnisse seines Fleißes und Wohlver haltens erteilt wurden; 1817 trat er in das neue Seminar ein, wo er unter Leitung des würdigen Dr. Gottlieb Anton Gruner seine Heranbildung zum Schulmann beendete. 1818 wurde er durch ehrendes Zeugnis von Idstein entlassen und trat sogleich seine Stelle als Lehrer zu Niederlahnstein an; er erhielt mit noch acht seiner Kollegen als besondere Vergünstigung 200 fl. als erste Besoldung, und 1819 bekam er eine Gehaltszulage.
Zu Lahnstein hatte er eine Abendschule gegründet, und selbstbetagte Männernahmen teil an seinem Unterricht. Mit schmerzlichem Gefühl sagte ihm die dortige Einwohner schaft Lebewohl, die Liebe und Anhänglichkeit der Bürger folgten ihm nach Bleidenstadt, wohin er 1822 mit Gehaltserhöhung versetzt worden war und wo ihn angenehme gesellschaftliche Verhältnisse aufnahmen. Von Bleidenstadt nach Limburg versetzt (1824), änderte sich seine ganze Lebenslage. In Limburg empfing ihn ein schwerer Beruf; die Schule war, durch mancherlei mißgünstige Umstände, in einer bösen Lage und es forderte die ganze Tatkraft eines Mannes, um den alten Schlendrian zu vertreiben und einer geeigneten Disziplin Geltung zu verschaffen.
Eine Erkältung hatte dem Hingeschiedenen ein Halsübel zugezogen, das sich durch stets angestrengte Tätigkeit mehr und mehr verschlimmerte, bis es zuletzt in Schwind sucht ausartete. Doch krank und matt suchte er seinem Amte nachzukommen, und in Wahrheit konnte der Stadtpfarrer, Herr Geistlicher Rat Halm, in seiner Leichenrede sagen: "Ihr saht ihn, wie er alle seine Kräfte zusammenraffte, um seinem mühseligen Berufe in Eurer Mitte zu genügen; Ihr saht ihn, wie er noch vor etlichen Monaten bald stehend, bald sitzend, bald sich von seiner Erschöpfung erholend, und dann aufs Neue beginnend, Euch unterrichtete und allen, nur sich nicht selbst genügte, weil er, der Vorzügliches gewöhnt war, sich von der erforderlichen Körperkraft verlassen fühlte."
Seinen nahen Heimgang vorahnend, verließ er im Mai 1836 die Aula, wo er fast 12 Jahre lang gewirkt, mit den Worten: "Meine Krankheit ist zum Tode, ich werde nicht mehr mein Lehrerzimmer sehen können!" Bis er nach dreinionatigem ununterbroche nem Schmerzenslager entschlief und sein ungebeugter Geist hinüberschwebte zum Urquell des Lichtes. Wohl mochte er es empfunden haben, welche nie auszufüllende Leere sein Hinscheiden seiner Familie bereiten würde, wohl mochte ihn dieser schmerz liche Gedanke länger an die Erde gefesselt haben, aber dennoch sprach er Worte des Trostes zu den Seinen, gab erratende Winke für die Zukunft; bis zum letzten Hauch war er bei voller Besinnung, und nur die Sprache hatte ihn wenige Augenblicke verlassen.
Seine Schüler bekränzten dem treuen Lehrer das Haar mit Astern, mit den letzten Blüten des scheidenden Sommers, sie schmückten seine hohe Stim mit Sternblumen als schönes Symbol! Herr Geistlicher Rat Halm sprach herzliche Worte an seinem Grabe (12. August 1836), und eine große Zahl auswärtiger Freunde gab ihm das letzte Geleit.
So lebt und stirbt der Gerechte, konnte man in Wahrheit von ihm sagen; sein Streben war nur nach Edlem und Gutem gerichtet. "Sie trachten, scheint mir, nach dem Reiche Gottes und nach dessen Gerechtigkeit, und mit freudiger Zuversicht sage ich daher, was sonst noch Ihnen gut ist, wird Ihnen werden." So schrieb ihm einst sein Lehrer, Oberschulrat Gruner, der stets in den freundschaftlichsten Beziehungen zu dem Ver ewigten stand.
Nicht allein durch Geisteskräfte, sondern auch durch Wissensschätze ragte er Über viele seiner Amtsgenossen hervor, er war mit fremden Sprachen, lateinisch und franzö sisch vertraut, und in der Arithmetik suchte er seinen Meister. Seine Tüchtigkeit als Lehrer war in weiten Kreisen anerkannt, und mehrmals war ihm Gelegenheit geboten, in einen erweiterten Wirkungskreis einzutreten; doch Rücksichten verschiedener Art hielten ihn bei seiner Elementarlehrerstelle. Er war außerordentlich tätig, und obgleich er täglich außer 7stündiger Beschäftigung in der öffentlichen Schule noch eine Privat schule in seinem Haus hatte, in welcher er 3‑4 Stunden unterrichtete, fand er dennoch Zeit zu schriftlichen Arbeiten mancher Art. Zwar ist er nicht in einem selbständigen Werke als Schriftsteller aufgetreten, doch enthält die Rheinische Monatsschrift von Rossel manchen gediegenen Aufsatz seiner Feder über Unterricht und Erziehung, und hinterließ er noch mehrere unvollendete Arbeiten, die leider die Ungunst der Zeit ganz vernichtet hat.
Aus dem Buch "Geschichte und Beschreibung des Lahntal's 1855" von Katharina Schweitzer